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Die Musikinstrumente von Hans Christian Tschiritsch sind in zweifacher Weise von besonderem Interesse: Es sind vielfach Metamorphosen von
Gebrauchsgegenständen des Alltags zu tönenden Kunstgegenständen, deren klangliches Prinzip es im
wesentlichen schon gibt und zugleich, so wie sie Tschiritsch schafft, noch nicht gibt. Grundsätzlich erkennen wir in Tschiritsch’s Werk zwei Bereiche, die den Künstler am Musikinstrument und zwar speziell an dessen
klanglichem Aspekt reizen: Zum einen ist es das Phänomen der Obertöne und zum anderen die Verfremdung von Klängen.
Physikalisch-akustisch betrachtet besteht ein Ton aus dem kompIexen
Zusammenwirken von einzelnen Schwingungen, die in ihrer jeweiligen bestimmten Art das Charakteristikum des Klanges ausmachen. Bei einer Vielzahl uns geläufiger
Musikinstrumente – einschließlich der menschlichen Stimme – setzt sich der Ton aus einem harmonischen Spektrum an Teiltönen zusammen, die aus dem Grundton und
seinen ganzzahligen Vielfachen, den Teiltönen, besteht Obertöne kann man durch verschiedenste musikalische Techniken sowohl vokal als auch instrumental in ihrem Klang
beeinflussen bzw. hervorheben. Diese sehr alten und auf der ganzen Welt in verschiedensten Varianten bekannten Musizierweisen kann man unter dem allgemeinen
Begriff .Obertonmusizieren zusammenfassen. Dazu gehören z. L das Spiel auf der Maultrommel, das Blasen des australischen Dijeridoos oder das Musizieren auf dem
afrikanischen Mundbogen. Der Obertongesang, wie ihn archaische Kulturen z. B. in Sibirien kennen, fasziniert Tschiritsch und er beherrscht dessen Technik. Viele Elemente
dieser Musizierweisen finden Eingang in Tschiritsch’s musikalische Welt.
In der modernen Industriegesellschaft aufgewachsen, verbindet der Künstler deren
vielfältige akustische Umweltreize mit den oben erwähnten archaischen Techniken, wobei musikalische Synthesen von Instrumenten und der darauf gespielten Musik nicht aus
willkürlichen Zufälligkeiten entstehen. Sie sind von einem wachen, aufmerksamen Durchwandern des Alltags mit seinen umfangreichen Ressourcen – insbesondere einer
Wegwerfgesellschaft – geprägt und vermischt mit einer unglaublichen handwerklichen und musikalischen Kreativität.
Der nach außen hin durch stoische Ruhe auffallende Tschiritsch ist innerlich beseelt von
einem unbändigen Willen nach Veränderung, nach Dynamik in allen musikalischen Prozessen, wobei die Ergründung der inneren Gesetzmäßigkeiten von Musik ihn zur Entwicklung von ganz spezifischen Instrumenten treibt.
Entscheidender Motor für das Wirken Hans Christian Tschiritsch’s ist seine Liebe
einerseits zur "Straßenmusik" und anderseits zum "Theaterleben und der damit verbundenen Musik". Das Faszinieren des Publikums durch ausgefallene und nicht
alltägliche Instrumente wie Singende Säge, die Grammophongeige aber auch die Anfertigung von Marionettenpuppen und das Spiel damit sind für beide Bereiche – sowohl
die Straße als auch die Bühne – wesentlich und (über)lebensnotwendig. Der Nutzen des Instruments ergibt sich aus der "Theaterfähigkeit". Es entstehen Instrumente quasi "aus
der Not" heraus, denn Tschiritsch lebte und lebt, was die Straßenmusik anbelangt, ein pekuniär reduziertes Leben – und Not macht erfinderisch. Die musikalische Wirkung ist
dabei nicht unbedingt an den Geldwert des Musikinstrumentes gebunden.
Als "Geräuschmeister" an Theatern ist seine Kreativität bei jeder Produktion gefordert,
wobei der Bezug zu den Alltagsgegenständen nie zu übersehen ist: Der Staubsauger wird zum überdimensionierten Saxophon, eine Nähmaschine zum saitenbespannten
Drehtophon oder Phonochord (Nähmaschinenobertondrehleier), Metallspangen fügen sich zu mit Gummi bespannten, in der Geschwindigkeit regelbaren, surrenden Ventilatoren.
Weiters finden sich Kinderbadewannen aus Großmutters Zeiten, Rohre in allen Materialien sowie Durchmessern und Längen, Teile von Motoren und Werkzeugen und viele andere
.Rohmaterialien unter merkwürdigen Bezeichnungen als Musikinstrumente in Tschiritsch’s Wohnung und Werkstätte wieder. Eine eventuell abschätzige Bezeichnung als
"Recycling"-Instrumente würde nur sehr oberflächlich und unzureichend das Wesen seiner Kunstgegenstände treffen.
Ein besonders ausgeklügeltes, methodisches Pädagogikkonzept verfolgt Tschiritsch mit
seiner Arbeit nicht: Als Schulaussteiger ist er ein Gegner eines vorbereiteten, auf ein "normiertes" Publikum anzuwendendes Rezept, und von pauschalen Vorweg-Erklärungen
und Deutungen der einzelnen Instrumente sieht er ab. Der Betrachter und Hörer soll und muß sich aus eigenem Interesse Instrument und Musik von Tschiritsch nähern, den Raum
seines Schaffens selbst begehen und durchschreiten. Dann kann er erkennen, daß Altes wohl vorhanden aber neu und originell komponiert (= zusammengesetzt) ist, daß zuerst
das Ding, der Gegenstand an sich, und dann die Musik da ist, daß Hörgewohnheiten nichts Unabänderliches sein müssen.
Im Spiegel seiner musikalischen Kunstgegenstände sehen wir Tschiritsch als einen
suchenden und grübelnden, auch (er)findenden, einen im tiefen Sinne sprühenden und musikalisch glühenden integrativen Menschen vor uns, der das Skurrile nicht als eine dem
Zeitgeist entsprechende Marketingmasche seiner Person vor sich herschiebt, sondern mit verborgenem Witz und Ironie das Leben unserer Zeit zu bereichern versteht.
Rudolf Pietsch
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