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Hans Tschiritsch, geboren 1954 in Wien. Aufenthalte in der Karibik und in Sibirien. Theatermusiker. Spender origineller Klänge. Fragt man ihn,
wo er musikalisch daheim ist – eine stets bedenkliche Spurensuche – nennt er einmal Flamenco, einmal Blues, und vielleicht auch, allumfassend "Straßenmusik". Hört man seine Musik, sieht man seine
Instrumente, dann drängen sich tausend Stile auf, dann rasselt die Assoziationskette: Orientalisch – sibirisch – jodel – latin – karibik – jazz – avantgarde – ostinato...
Haken wir da einmal ein: Tschiritsch’s Instrumente scheinen in all ihrer verwirrenden, herrlichen Vielfalt doch etwas gemeinsam zu haben: Man
kann auf ihnen lange Noten, Grundtöne spielen, über denen sich dann improvisieren läßt. Bordunmusik? Auch, freilich im weitesten Sinne. Tschiritsch’s Melodien, seien sie nun ausgeborgt oder selbstverfaßt, klingen
über eine Grundierung. Die besteht nun aus eben jenem Grundton und einem Rhythmusmuster, das sich gleichermaßen komplex wie ebenmäßig anhört Dadurch scheint die Musik zu stehen; trotz der musikalischen Entwicklung,
etwa während eines I mprovisations-Solos, hat man weniger das Gefühl einer horizontalen Bewegung als
vielmehr eines vertikal pulsierenden Klanggebäudes. Wenn ein Stück beginnt, war sein Rhythmus scheinbar schon immer da. Die Töne werden darüber geschichtet, aufgefächert, erhalten neue
Betonungen. Überhaupt die Takte! 5er, 7er, 9er, 13er – Tschiritsch schätzt das Ungerade. Vielfalt und Orientierungslosigkeit Neue Wege – und Sackgassen. Im 20. Jahrhundert hat die Musikgeschichte eine Beschleunigung
erfahren, die alle Regeln und Traditionen über den Haufen warf. Alles ist möglich – das betrifft auch die Klangwerkzeuge, mit denen Musiker ihren Weg, suchen. Die wichtigsten Komponisten unseres
Jahrhunderts haben diese Situation der scheinbaren Regelfreiheit in ihren Kunstbegriff aufgenommen. Etwa Arnold Schönberg: "Kunst (d.h. auch Musik) ist auf der untersten Stufe einfache
Naturnachahmung. Aber bald ist sie Naturnachahmung im erweiterten Sinne des Begriffs, also nicht bloß Naturnachahmung der äußeren, sondern auch der inneren Natur. Mit anderen
Worten: Sie stelle dann nicht bloß Gegenstände oder Anlässe dar, die Eindruck machen, sondern vor allem diese Eindrücke selbst Auf ihrer höchsten Stufe befaßt sich die Kunst
ausschließlich mit der Wiedergabe der inneren Natur." Oder Bela Bartok: .Die neueste Periode der Musikentwicklung hat ja kaum begonnen. Und der deutsche Musiktheoretiker
Heinrich Hüschen schrieb im Jahr 1961, im 20-bändigen Lexikon "Musik in Geschichte und Gegenwart", unter dem Stichwort: "Musik": .Von dem in der Natur vorkommenden
Tonmaterial gelangt in der Musik nur ein verhältnismäßig geringer Teil zur Verwendung. Erweiternd und diese Ausstellung betrachtend, könnten wir sagen: Von dem in der Natur
zur Verfügung stehenden Baumaterial gelangt im Instrumentenbau nur ein verhältnismäßig geringer Teil zur Verwendung. Hans Tschiritsch dürfte da einen besonderen Blick haben:
Er sieht hinter jedem Ding dessen Klangkapazitäten. Die Badewanne als Resonator, das Ofenrohr als Blasinstrument, das Cognac-Glas als Verstärker. Apropos Verstärker:
Natürlich spielt Tschiritsch "unplugged". Keyboards kommen ihm nicht - mehr – in die Band. Das einzige Instrument, das eine Steckdose braucht, ist der Staubsauger.
Tschiritsch – ein Recycle-Musiker? Jedenfalls einer, der nicht versucht, schon vorhandene Instrumente weiterzuentwickeln, gar zu vollenden. Als Beispiel für dieses Streben mag
Johann G. Staufer Erwähnung finden, der mit dem Arpeggione eine seltsame Symbiose von Gitarre bzw. Laute und CeIIo bzw. Gambe zu erreichen versuchte. Außer Schubert hat
sich niemand darum gekümmert, und selbst seine Arpeggione-Sonate spielt man heute eher auf dem Cello Tschiritsch ist vermutlich recht zufrieden mit Cello, Gitarre oder auch
Klavier. Seine Ideen aber gehen nicht einfach Ober diese erfolgreichen Instrumente hinaus: Er läßt sie, wo sie sind, und setzt mit seinen Prototypen ganz anderswo an. Wo ist
dieses anderswo wohl? Vielleicht dort, wo die 8.Viertel im 7/4 Takt fehlt Hans Tschiritsch stellt seine Klangwerkzeuge selbst her, komponiert für sie und spielt sie auch selbst; er ist
Instrumentenbauer, Komponist und Interpret in einer Person. Das ist einzigartig – nicht nur in unserem Jahrhundert des Spezialistentums. Oder können Sie sich einen Schifahrer
vorstellen, der seine Brettln selbst tischlert und sich den Kurs steckt ?
Albert Hosp
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